Der Junge im Boot

30. Juli 2019 0 Von Hans-Werner Kulinna

Die Flugzeuge mit den Bomben kamen in der Nacht, als alle noch tief schliefen. Ein lauter Lärm und Brandgeruch schreckte alle auf. Meine Eltern kamen in unsere Zimmer und wir packten schnell ein paar Sachen zusammen. Wir mussten raus aus dem Haus. Es konnte ja einstürzen. Auf den Straßen kamen die Menschen zusammen. Mein Vater zog mich mit zum Strand. Er hatte ja seinen Plan schon lange vorbereitet und vorher viel Geld bezahlt. Dort lag es, das Gummiboot. Schnell zogen alle, die mitfahren wollten, Schwimmwesten und Schwimmreifen an. Meine Mutter und meine kleine Schwester Nagam stiegen in ein anderes Boot. Alle mussten erst ein paar Meter durch das Wasser gehen, denn das Boot sollte uns ja alle über das weite Meer bringen. Wir Kinder mussten in der Mitte des Bootes sitzen, daneben lagen unsere Rucksäcke. Dann kamen die großen Leute und setzen sich um uns herum. Das Boot schaukelte. Der kleine Motor sprang jetzt an. Die Wellen trieben uns weit auf das Meer hinaus. 50 Leute saßen ganz dicht zusammen. Niemand hatte Essen und Trinken dabei. Eine alte Frau setzte sich auf meine Hand. Ich schrie. Es war so eng. Nur 5 Kinder saßen jetzt im Gummiboot und um uns herum viele Männer und wenige Frauen. „Hab keine Angst, Hassan!“, sagte mein Vater, der am Rand des Bootes saß. Die Stunden vergingen. Wenn einer musste, musste er. Das war nicht angenehm. Wir saßen wohl so 10 Stunden auf dem Gummiboot bis es dunkel wurde. Plötzlich kamen kleine Motorboote von allen Seiten und sie schossen auf unser Gummiboot. Sie wollten, dass wir untergehen. Alle hatten große Angst. Um uns herum war ein wildes Geschrei. Es knallte immer wieder. Dann konnten wir in der Ferne ein großes Schiff sehen, weil es in der Dunkelheit ganz hell leuchtete. Da traf plötzlich eine Kugel unser Boot. Mein Vater packte mich und wir sanken ins kalte Wasser. Zum Glück hatten wir Kinder alle Schwimmreifen um. Alle riefen und schrien durcheinander. Der Kapitän des großen Schiffes hatte uns wohl gesehen, denn sein Schiff kam immer näher auf uns zu. Das war unsere Rettung in letzte Minuten, denn die kalte Strömung war sehr stark und alle hatten keine Kräfte mehr. Wir wurden in Rettungsbooten aus dem eisigen Meer geholt und zum großen Rettungsschiff gebracht. Alle unsere Sachen und Rücksäcke waren durchnässt. Manche warfen ihre nassen Sachen ins Meer. An Bord bekamen wir von Helfern warme Anziehsachen und etwas zu essen und zu trinken. Wir waren alle so erschöpft, dass einige schon auf den Bänken einschliefen.
Nach Tagen legte das große Schiff in der Türkei an. Wir waren gerettet. Was meine Mutter und meine kleine Schwester Nagam wohl machen? Ob sie es auch geschafft haben?
Wir kamen dann endlich sicher nach Deutschland und konnten in eine kleine Wohnung einziehen. Später sind auch meine Mutter und kleine Schwester dazu gekommen. Alle fielen sich vor Freude und Erleichterung in die Arme. Erleben will niemand mehr eine solch gefährliche Fahrt über das weite Meer.
Heute reden wir nur noch ganz selten über das, was wir alle durchgemacht haben.
In der Schule lerne ich jetzt Deutsch und manchmal hören wir, dass immer wieder Erwachsene, Kinder und sogar Babys jetzt noch im Mittelmeer ertrinken. Ruhig schlafen kann ich nicht mehr. Wenn ich groß bin, werde ich das Meer mit Schiffen aus allen Ländern bedecken, dann muss niemand mehr im Mittelmeer ertrinken.

© Hans-Werner Kulinna